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Dienstag, 27. April 2010

Eingeschult und sitzen geblieben

(...) 2004 hat das Land Berlin den Stichtag für die Einschulung um ein halbes Jahr nach hinten verschoben: Seitdem werden alle Kinder schulpflichtig, die am ersten August das sechste Lebensjahr vollendet haben oder es bis zum folgenden 31. Dezember vollenden werden. (...)

(...) Anneke Prebensen wollte ihren Sohn eigentlich zurückstellen lassen. Jurek hat erst spät angefangen zu sprechen, ist oft krank, seit seinem ersten Lebensjahr Asthmatiker. Auch Kinderärztin und Logopädin sprechen sich dafür aus. Doch die Schulärztin ist anderer Meinung: Jurek hat all Seh- Hör- Sprach und kognitiven Tests bestanden, er ist schulfähig.

Die Mutter ist entsetzt. Es ist in Berlin kein Problem, Kinder, die noch jünger als Jurek, also bei Schulbeginn erst fünf Jahre und drei Monate sind, vorzeitig einzuschulen. Umgekehrt soll es nicht möglich sein, ein Kind zurückzustellen, das offensichtlich noch nicht so weit ist? (...)

(...) Kinder müssen nicht nur kognitive und motorische Fähigkeiten mitbringen, sondern auch Durchhalte- und Konzentrationsvermögen und ein Minimum an Selbstorganisation, sagt sein Klassenlehrer Frank Weingärtner. "Jurek war noch nicht bereit für die Schule. Er schafft es gut, zwei Stunden mitzumachen, dann hat er keine Kraft mehr, und seine Aufmerksamkeit lässt nach." (...)

(...) Auffällig aggressiv im Unterricht war Jurek nie, sagt sein Lehrer, "das hat er wohl alles zu Hause rausgelassen." Aber der panisch gehetzte Ausdruck im Gesicht, wenn es dem Jungen zuviel wurde, entgeht Lehrern und Erziehern nicht. Dass Kinder im ersten Schuljahr überfordert sind, manche davon verhaltensauffällig werden, das sei nichts Neues, sagt Weingärtner. (...)

http://www.morgenpost.de/familie/article1298718/Eingeschult-und-sitzen-geblieben.html

Donnerstag, 15. April 2010

Gegen Windmühlen

(...)Erst kamen die Quartiersmanager, dann die Ganztagsschulen. Rund 50 Millionen Euro fließen jährlich in zusätzlichen Sprachunterricht, nicht weniger in kostenlose Kitas. Und weil man den Kitabesuch nicht vorschreiben kann, werden die Kinder inzwischen schon mit fünf Jahren in die Schule gezerrt. Immer nach dem Motto: Bloß weg von den Eltern, weg von den Milieus, in denen Bildung nichts wert ist, in denen ganztägig der Fernseher läuft und in denen morgens niemand aufsteht, um zur Arbeit zu gehen.

Inzwischen ahnt man, dass die Bemühungen ins Leere laufen. Zum einen wegen der stetig steigenden Zahl von Problemfamilien, zum anderen wegen der Halbherzigkeit vieler Reformen: Ein kostenloser Kitabesuch hat eben nur Sinn, wenn die Erzieher entsprechend ausgebildet sind. Die Schulpflicht für Fünfjährige kann nur Erfolg bringen, wenn es kleine Klassen und passende Räumlichkeiten gibt. Eine komplizierte Methode wie die Jahrgangsmischung kann nur gelingen, wenn sie beherrscht wird: Stattdessen wurde sie gegen den klaren Rat der Wissenschaft flächendeckend verordnet.

Die Ergebnisse dieser verfehlten oder halbherzigen Reformen werden jetzt geerntet. Sie bestehen aus Kindern, die nach drei bis fünf Jahren Kita und Schule noch keinen fehlerfreien Satz sprechen können. Die keine Vergleichsarbeit schreiben können, weil sie noch nicht einmal den Text der Aufgabenstellung verstehen. Langsam ahnen die ersten Wissenschaftler, dass man in Deutschland eine spezielle „Unterschichtenpädagogik“ braucht, um bei den Heerscharen von Hartz-IV-Kindern überhaupt noch etwas zu erreichen. (...)

http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/gegen-windmuehlen/1791242.html


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